Kleine Geschichte Altenessens, Karnaps und Vogelheims
Geschrieben von Christoph Wilmer   
Dienstag, 21. August 2007

Der Name legt es nahe: in Altenessen könnte die Essener Geschichte angefangen haben. Frühe Besiedlung aus fränkischer Zeit lässt sich hier nachweisen, und vielleicht ist der Name dieser winzigen Ansamm­lung von Bauernhöfen am Zusammenfluss von Berne und Stoppenberger Bach später auf das wichtigere Damenstift am Hellweg übertragen worden. Für den Ursprung blieb dann der Name Altenessen. So könnte es gewesen sein, Klarheit darüber lässt die dünne Quellenlage nicht zu. Erstmals bezeugt ist der Name „Aldenessende" in einer Urkunde von 1220, nun bereits deutlich in Abhängigkeit vom benach­barten Machtzentrum Essen.

Über Jahrhunderte lebte die kleine Bauernschaft vor sich hin, Veränderungen gab es kaum. Die Menschen lebten von der Landwirtschaft, die Berne trieb einige Wassermühlen an und bot somit auch Chancen für Handwerker. Im Norden, wo die Emscher sich langsam und mit vielen Windungen durch die Landschaft wälzte, war die Viehofer Mark, locker bewaldetes Bruchland im Allgemeinbesitz, das periodisch überflutet wurde. Sie war nicht parzelliert und bot Raum für Schweinemast und Holzeinschlag. Wildpferde lebten hier, die berühmt waren für ihre Zähigkeit.

Das Ruhrgebiet ist auf Kohle gebaut. Gewaltige Vorräte erstrecken sich unterirdisch von der Ruhr aus nach Norden, ein Brennstoff, den der Mensch seit dem Mittelalter zu nutzen lernte. Fast durch einen Zufall ge­riet Altenessen mit seiner Nachbarschaft plötzlich in den Mittelpunkt der Industrialisierung. Breite Flusstäler haben keine starken Steigungen, das war der einfache Grund für dramatische Verände­rungen im 19. Jahrhundert. Ingenieure entdeckten gerade hier im flachen Emschertal die ideale Trassen­führung für eine Ost-West-Eisenbahn. 1847 wurde sie eröffnet, sie reichte von Köln nach Minden und dann weiter bis Berlin. Im Bauerndorf Altenessen wurde ein Bahnhof angelegt. Die Bürger der benachbar­ten Stadt Essen waren nicht glücklich darüber. Sie mussten nun erst einige Kilometer mit der Droschke fahren, wenn sie einen Zug besteigen wollten.

Aber auch mit der Beschaulichkeit in Altenessen war es nun vorbei. Der Personenverkehr mit der Eisen­bahn war nur Nebensache. Es ging vor allem um Fracht, und die wichtigste Fracht war die Kohle. Kohle war der Energieträger, der ein neues Zeitalter einleiten sollte, und Altenessen mit seinem Bahnhof war plötzlich ein gefragter Standort für die Ansiedlung von Zechen. Die Bahn schuf die Möglichkeit, große Mengen Kohle zu transportieren, der Weg war frei für die große Industrie. Der Köln-Mindener Eisenbahn folgten rasch weitere (damals immer private) Bahnlinien, dazu kamen die Anschlussbahnen der Zechen, und bald war das Gebiet von einem dichten Netz von Bahngleisen zerschnitten.

Nur wenige hundert Meter vom Bahnhof entfernt entstand Zeche Anna (an die beiden Schächte erinnern noch die beiden Ablassventile für Grubengas auf dem Parkplatz des Mediamarkts an der Gladbecker Straße) als erste Zeche im Ort, bald folgten Carl, Heinrich, Fritz und Emil mit den Emscherschächten auf Vogelheimer Gebiet. Etwas weiter südlich wurde Zeche Helene abgeteuft, in Karnap war es die Schachtan­lage Mathias Stinnes. Ebenfalls in Karnap wurden später aus anderen Sektoren noch die Glaswerke Ruhr angesiedelt (1923) und 1939 das große RWE-Kraftwerk.

Die großen Schachtanlagen brauchten sehr schnell so viele Arbeiter, dass die Bewohnerschaft der umlie­genden Siedlungen diesen Bedarf bei weitem nicht decken konnte. Schnell begann nun die Zuwanderung, die Einwohnerzahl stieg plötzlich in einem Maße, dass man hier noch nie erlebt hatte und das es auch bis heute in Deutschland fast nirgends gegeben hat. Altenessen wuchs von 683 Menschen 1822 auf 40.644 im Jahr 1910, Karnap im gleichen Zeitraum von 147 auf 6.642 (die Zahlen für Vogelheim wurden statistisch bei Bergeborbeck mitgezählt und lassen sich nicht mehr exakt ermitteln). Um die Jahrhundertwende wan­derten jedes Jahr mehr als doppelt so viele Menschen (ca. 1.400) nach Altenessen zu, als 70 Jahre zuvor dort überhaupt gelebt hatten. Winzige Dörfer wuchsen auf die Größe beachtlicher Städte, eine Entwic­klung, die die Gemeinden nun völlig auf den Kopf stellte.

Zuerst galt es, diese Zuwanderer unterzubringen, Wohnungen mussten gebaut werden, die ersten Siedlun­gen entstanden. Meist waren es die Zechengesellschaften selbst, die Siedlungen anlegten, aber auch ge­witzte Bauern nutzten ihren Grund und Boden, um darauf möglichst schnell große Häuser zu bauen und sie mit möglichst vielen Mietern zu füllen. Schon 1852 entstanden neben der Zeche Anna die ersten Steigerhäuser. Die älteste Siedlung in Altenessen, die heute noch erhalten ist, ist die Lampferhofsiedlung seitlich der Stauderstraße von 1867. Ein Jahr später entstand die Kolonie Schnieringskotten, von der in der ersten Schnieringstraße noch einige wenige Häuser zu sehen sind. In Karnap wurde ab 1890 die Sied­lung Mathias Stinnes angelegt, eine der größten Siedlungen in Essen überhaupt. Doch Wohnen ist nur ein Teil des Lebens. Die Kinder mussten unterrichtet werden, also wurden bis 1915 allein in Altenessen 14 Volksschulen mit 145 Lehrern neu geschaffen (und nach Fertigstellung gleich wie­der erweitert). 1905 nahm der Stolz der Gemeinde, das Leibniz-Gymnasium den Unterrichtsbetrieb auf. Viele Dinge, die uns heute selbstverständlich sind, mussten erst aufgebaut werden, so die Strom­versorgung (seit 1898), eine Gasanstalt (1912/13), Wasserversorgung (seit 1878, vorher gab es nur Brunnen) und die Feuerwehr (1913). Um die hygienischen Verhältnisse zu verbessern, wurde 1905 ein Schlachthaus in Betrieb genommen, seit 1888 stand ein kirchliches Krankenhaus der Gemeinde St. Johann Baptist (Marienhospital) den Menschen in Krankheitsfällen zur Verfügung.

Die ehemaligen Bauernschaften hatten sich also in kürzester Zeit in Industriegemeinden verwandelt. Rechtlich galten sie jedoch weiterhin als preußische Landgemeinden. Zweimal richteten die Altenessener Anträge an die Regierung, doch endlich zur Stadt erhoben zu werden, beide Male wurden diese Anträge abgelehnt. In Berlin hatte man Angst vor den in den Industrieorten vermuteten roten Arbeiterhorden, und man wollte daher die Kontrolle über diese Orte nicht ganz aufgeben.

Das Ende der Selbständigkeit für Altenessen kam 1915, als die bis dahin selbständige Gemeinde als Stadt­teil in die Stadt Essen eingemeindet wurde, gleichzeitig mit Vogelheim als Teil von Borbeck. Für die Stadt Essen war diese Eingemeindung wichtig, bekam sie doch dadurch Zugang zum neugebauten Rhein-Herne-Kanal, der damals meistbefahrenen künstlichen Wasserstraße in Europa. Karnap wurde dabei abgetrennt und folgte 1929 als nördlichster Essener Stadtteil.

Damals glaubten die Menschen, dass die Kohle nun für alle absehbare Zukunft das Gesicht der Stadtteile prägen würde. Heute wissen wir, dass auch die Zeit der Schwerindustrie in unserer Region an ihr Ende kommt. Eine Epoche ging zu Ende, als 1973 mit Fritz-Heinrich die letzte Schachtanlage in Altenessen still­gelegt wurde. Viele Arbeitsplätze gingen verloren, weit mehr als 20.000 Menschen kehrten nun dem heutigen Stadtbezirk V den Rücken. Die Stadt Essen stand vor der Aufgabe, neue Arbeitsplätze anzusie­deln und gleichzeitig Anreize für die Menschen zu schaffen, im Essener Norden wohnen zu bleiben oder sich dort anzusiedeln.

Viele alte Zechengelände haben sich heute in moderne Gewerbegebiete (Beispiel Zeche Anna, Ecke Glad-becker/Krablerstraße) oder in Wohnsiedlungen (Beispiel Zeche Heinrich, neben der Böhmerheide) verwandelt. Zeche Carl, gegen viele Widerstände von der Bevölkerung selbst vor dem Abriss gerettet, ist heute eines der größten soziokulturellen Zentren in Deutschland. Modernisierte Siedlungen gelten heute als gefragte Wohnlagen (Mathias Stinnes), und viele Trassen der Werksbahnen sind in ein dichtes Netz an Fuß- und Radwegen verwandelt worden. Mit der Ansiedlung des Einkaufszentrums in Altenessen 1973 wurde dem Essener Norden eine neue Mitte gegeben und die Abwanderung von Kaufkraft verhindert. Der Essener Norden hat sich vor 150 Jahren vom Bauerndorf zur Industrieregion gewandelt, mit Verände­rungen von kaum glaublichen Ausmaßen. Heute steckt er wieder mitten im Strukturwandel und hat noch längst nicht alle Aufgaben und Probleme, die dieser Wandel mit sich bringt, überwunden. Es wird weiter­hin die Aufgabe der Stadt Essen, aber auch aller Bewohner mit ihrem bürgerschaftlichen Engagement bleiben, unsere Heimat als eine lebenswerte Umgebung zu erhalten und auszubauen.

Mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von Christoph Wilmer

Kommentare zu diesem Artikel:
No. 1 :
Ich bin selber zwar gebürtige Essenerin ich bin am Steeler Wasserturm (Huttrop) geboren und erst 2003 in Karnap zugezogen. Da wir uns ein Haus kaufen wollten und dabei auch einige für uns wichtige Kriterien beachten wollten kam Karnap durch ein dummen Zufall für uns in die erste Wahl. Da wir mit 5 Personen (2 Erw. +3 Kinder) schon eher als Großfamilie gelten war für uns ein nahe Grundschule, Kindergarten und Einkaufsmöglichkeiten sehr wichtig. Aber natürlich wollten wir trotzdem im "Grünen" wohnen. Dieser Wunsch wurde uns mit einer Doppelhaushälfte von 200qm Wohnfläche + 600qm Garten in der Lüderitzwiese nahe dem Emscherpark in Karnap zu 100% erfüllt! Wir sind hier in Karnap zu 100% zufrieden und glücklich, was auch unsere Kinder und sogar der Hund finden!:-)
Damit kann ich diesem Artikel nur zustimmen, das aus Karnap eine familienfreundliche idyllische Wohngegend der gehobenen Klasse geworden ist. Schade ist nur das zur Zeit die Infrastruktur (Einkaufsmöglichkeiten und Schulen) abnimmt. Unsere Hauptschule will ja leider schließen und sehr viele kleine Geschäfte gehen pleite.Meine Kinder gehen zwar zum größten Teil noch in die Grundschule, und in der Stadtmitte aufs Gymnasium, trotzdem finde ich es sehr schade das die Hauptschule schließen will. Aber das liegt ja zum Glück nicht an Karnap sondern an der nachlassenden Kaufkraft des "kleinen Mannes". Denn unser guter Mittelstand, der ja gerade hier in Karnap ansässig ist in den Einfamilienhäusern wird immer ärmer, teils sogar ganz arm, weil es oft keine Arbeit gibt bzw zu wenig Geld da ist. Leider sorgt unsere Politik ja immer noch nur für die sowieso Reichen, das für uns Familien etwas getan wird ist ja leider pure Augenwischerei und Schönrederei.Wir Familien werden leider wirklich immer ärmer,obwohl mein Mann eine gut bezahlte Stellung hat merken wir es bei jedem Einkauf, das wir sehr sparen müssen, um über die Runden zu kommen und von dieser Entwicklung ist fast jeder hier in Karnap betroffen, wodurch Karnap wahrscheinlich wieder einige Eigenheimbesitzer verlieren wird, denn es sind ja gerade Mittelstandfamilien, die sich alte Zechenhäuschen kaufen, denn für ne Villa in Bredeney reicht es bei uns Familien ja leider nicht aus!
kommentiert von Renate Gruber • 2008-12-16 11:57:50
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