Der
Name legt es nahe: in Altenessen könnte die Essener Geschichte
angefangen haben. Frühe Besiedlung aus fränkischer Zeit
lässt sich hier nachweisen, und vielleicht ist der Name dieser
winzigen Ansammlung von Bauernhöfen am Zusammenfluss von
Berne und Stoppenberger Bach später auf das wichtigere
Damenstift am Hellweg übertragen worden. Für den Ursprung
blieb dann der Name Altenessen. So könnte es gewesen sein,
Klarheit darüber lässt die dünne Quellenlage nicht zu.
Erstmals bezeugt ist der Name „Aldenessende" in einer Urkunde
von 1220, nun bereits deutlich in Abhängigkeit vom benachbarten
Machtzentrum Essen.
Über
Jahrhunderte lebte die kleine Bauernschaft vor sich hin,
Veränderungen gab es kaum. Die Menschen lebten von der
Landwirtschaft, die Berne trieb einige Wassermühlen an und bot
somit auch Chancen für Handwerker. Im Norden, wo die Emscher
sich langsam und mit vielen Windungen durch die Landschaft wälzte,
war die Viehofer Mark, locker bewaldetes Bruchland im
Allgemeinbesitz, das periodisch überflutet wurde. Sie war nicht
parzelliert und bot Raum für Schweinemast und Holzeinschlag.
Wildpferde lebten hier, die berühmt waren für ihre
Zähigkeit.
Das
Ruhrgebiet ist auf Kohle gebaut. Gewaltige Vorräte erstrecken
sich unterirdisch von der Ruhr aus nach Norden, ein Brennstoff, den
der Mensch seit dem Mittelalter zu nutzen lernte. Fast durch einen
Zufall geriet Altenessen mit seiner Nachbarschaft plötzlich
in den Mittelpunkt der Industrialisierung. Breite Flusstäler
haben keine starken Steigungen, das war der einfache Grund für
dramatische Veränderungen im 19. Jahrhundert. Ingenieure
entdeckten gerade hier im flachen Emschertal die ideale
Trassenführung für eine Ost-West-Eisenbahn. 1847 wurde
sie eröffnet, sie reichte von Köln nach Minden und dann
weiter bis Berlin. Im Bauerndorf Altenessen wurde ein Bahnhof
angelegt. Die Bürger der benachbarten Stadt Essen waren
nicht glücklich darüber. Sie mussten nun erst einige
Kilometer mit der Droschke fahren, wenn sie einen Zug besteigen
wollten.
Aber
auch mit der Beschaulichkeit in Altenessen war es nun vorbei. Der
Personenverkehr mit der Eisenbahn war nur Nebensache. Es ging
vor allem um Fracht, und die wichtigste Fracht war die Kohle. Kohle
war der Energieträger, der ein neues Zeitalter einleiten sollte,
und Altenessen mit seinem Bahnhof war plötzlich ein gefragter
Standort für die Ansiedlung von Zechen. Die Bahn schuf die
Möglichkeit, große Mengen Kohle zu transportieren, der Weg
war frei für die große Industrie. Der Köln-Mindener
Eisenbahn folgten rasch weitere (damals immer private) Bahnlinien,
dazu kamen die Anschlussbahnen der Zechen, und bald war das Gebiet
von einem dichten Netz von Bahngleisen zerschnitten.
Nur
wenige hundert Meter vom Bahnhof entfernt entstand Zeche Anna (an die
beiden Schächte erinnern noch die beiden Ablassventile für
Grubengas auf dem Parkplatz des Mediamarkts an der Gladbecker Straße)
als erste Zeche im Ort, bald folgten Carl, Heinrich, Fritz und Emil
mit den Emscherschächten auf Vogelheimer Gebiet. Etwas weiter
südlich wurde Zeche Helene abgeteuft, in Karnap war es die
Schachtanlage Mathias Stinnes. Ebenfalls in Karnap wurden später
aus anderen Sektoren noch die Glaswerke Ruhr angesiedelt (1923) und
1939 das große RWE-Kraftwerk.
Die
großen Schachtanlagen brauchten sehr schnell so viele Arbeiter,
dass die Bewohnerschaft der umliegenden Siedlungen diesen Bedarf
bei weitem nicht decken konnte. Schnell begann nun die Zuwanderung,
die Einwohnerzahl stieg plötzlich in einem Maße, dass man
hier noch nie erlebt hatte und das es auch bis heute in Deutschland
fast nirgends gegeben hat. Altenessen wuchs von 683 Menschen 1822 auf
40.644 im Jahr 1910, Karnap im gleichen Zeitraum von 147 auf 6.642
(die Zahlen für Vogelheim wurden statistisch bei
Bergeborbeck mitgezählt und lassen sich nicht mehr exakt
ermitteln). Um die Jahrhundertwende wanderten jedes Jahr mehr
als doppelt so viele Menschen (ca. 1.400) nach Altenessen zu, als 70
Jahre zuvor dort
überhaupt gelebt hatten. Winzige Dörfer wuchsen auf die
Größe beachtlicher Städte, eine Entwicklung, die
die Gemeinden nun völlig auf den Kopf stellte.
Zuerst
galt es, diese Zuwanderer unterzubringen, Wohnungen mussten gebaut
werden, die ersten Siedlungen entstanden. Meist waren es die
Zechengesellschaften selbst, die Siedlungen anlegten, aber auch
gewitzte Bauern nutzten ihren Grund und Boden, um darauf
möglichst schnell große Häuser zu bauen und sie mit
möglichst vielen Mietern zu füllen. Schon 1852 entstanden
neben der Zeche Anna die ersten Steigerhäuser. Die älteste
Siedlung in Altenessen, die heute noch erhalten ist, ist die
Lampferhofsiedlung seitlich der Stauderstraße von 1867. Ein
Jahr später entstand die Kolonie Schnieringskotten, von der in
der ersten Schnieringstraße noch einige wenige Häuser zu
sehen sind. In Karnap wurde ab 1890 die Siedlung Mathias Stinnes
angelegt, eine der größten Siedlungen in Essen überhaupt.
Doch Wohnen ist nur ein Teil des Lebens. Die Kinder mussten
unterrichtet werden, also wurden bis 1915 allein in Altenessen 14
Volksschulen mit 145 Lehrern neu geschaffen (und nach Fertigstellung
gleich wieder erweitert). 1905 nahm der Stolz der Gemeinde, das
Leibniz-Gymnasium den Unterrichtsbetrieb auf. Viele Dinge, die uns
heute selbstverständlich sind, mussten erst aufgebaut werden, so
die Stromversorgung (seit 1898), eine Gasanstalt (1912/13),
Wasserversorgung (seit 1878, vorher gab es nur Brunnen) und die
Feuerwehr (1913). Um die hygienischen Verhältnisse zu
verbessern, wurde 1905 ein Schlachthaus in Betrieb genommen, seit
1888 stand ein kirchliches Krankenhaus der Gemeinde St. Johann
Baptist (Marienhospital) den Menschen in Krankheitsfällen zur
Verfügung.
Die
ehemaligen Bauernschaften hatten sich also in kürzester Zeit in
Industriegemeinden verwandelt. Rechtlich galten sie jedoch weiterhin
als preußische Landgemeinden. Zweimal richteten die
Altenessener Anträge an die Regierung, doch endlich zur Stadt
erhoben zu werden, beide Male wurden diese Anträge abgelehnt. In
Berlin hatte man Angst vor den in den Industrieorten vermuteten roten
Arbeiterhorden, und man wollte daher die Kontrolle über diese
Orte nicht ganz aufgeben.
Das
Ende der Selbständigkeit für Altenessen kam 1915, als die
bis dahin selbständige Gemeinde als Stadtteil in die Stadt
Essen eingemeindet wurde, gleichzeitig mit Vogelheim als Teil von
Borbeck. Für die Stadt Essen war diese Eingemeindung wichtig,
bekam sie doch dadurch Zugang zum neugebauten Rhein-Herne-Kanal, der
damals meistbefahrenen künstlichen Wasserstraße in Europa.
Karnap wurde dabei abgetrennt und folgte 1929 als nördlichster
Essener Stadtteil.
Damals
glaubten die Menschen, dass die Kohle nun für alle absehbare
Zukunft das Gesicht der Stadtteile prägen würde. Heute
wissen wir, dass auch die Zeit der Schwerindustrie in unserer Region
an ihr Ende kommt. Eine Epoche ging zu Ende, als 1973 mit
Fritz-Heinrich die letzte Schachtanlage in Altenessen stillgelegt
wurde. Viele Arbeitsplätze gingen verloren, weit mehr als 20.000
Menschen kehrten nun dem heutigen Stadtbezirk V
den Rücken. Die Stadt Essen stand vor der Aufgabe, neue
Arbeitsplätze anzusiedeln und gleichzeitig Anreize für
die Menschen zu schaffen, im Essener Norden wohnen zu bleiben oder
sich dort anzusiedeln.
Viele
alte Zechengelände haben sich heute in moderne Gewerbegebiete
(Beispiel Zeche Anna, Ecke Glad-becker/Krablerstraße)
oder in Wohnsiedlungen (Beispiel Zeche Heinrich, neben der
Böhmerheide) verwandelt. Zeche Carl, gegen viele Widerstände
von der Bevölkerung selbst vor dem Abriss gerettet, ist heute
eines der größten soziokulturellen Zentren in Deutschland.
Modernisierte Siedlungen gelten heute als gefragte Wohnlagen (Mathias
Stinnes), und viele Trassen der Werksbahnen sind in ein dichtes Netz
an Fuß-
und Radwegen verwandelt worden. Mit der Ansiedlung des
Einkaufszentrums in Altenessen 1973 wurde dem Essener Norden eine
neue Mitte gegeben und die Abwanderung von Kaufkraft verhindert. Der
Essener Norden hat sich vor 150 Jahren vom Bauerndorf zur
Industrieregion gewandelt, mit Veränderungen von kaum
glaublichen Ausmaßen. Heute steckt er wieder mitten im
Strukturwandel und hat noch längst nicht alle Aufgaben und
Probleme, die dieser Wandel mit sich bringt, überwunden. Es wird
weiterhin die Aufgabe der Stadt Essen, aber auch aller Bewohner
mit ihrem bürgerschaftlichen Engagement bleiben, unsere Heimat
als eine lebenswerte Umgebung zu erhalten und auszubauen.
Mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von Christoph
Wilmer
Ich bin selber zwar gebürtige Essenerin ich bin am Steeler Wasserturm (Huttrop) geboren und erst 2003 in Karnap zugezogen. Da wir uns ein Haus kaufen wollten und dabei auch einige für uns wichtige Kriterien beachten wollten kam Karnap durch ein dummen Zufall für uns in die erste Wahl. Da wir mit 5 Personen (2 Erw. +3 Kinder) schon eher als Großfamilie gelten war für uns ein nahe Grundschule, Kindergarten und Einkaufsmöglichkeiten sehr wichtig. Aber natürlich wollten wir trotzdem im "Grünen" wohnen. Dieser Wunsch wurde uns mit einer Doppelhaushälfte von 200qm Wohnfläche + 600qm Garten in der Lüderitzwiese nahe dem Emscherpark in Karnap zu 100% erfüllt! Wir sind hier in Karnap zu 100% zufrieden und glücklich, was auch unsere Kinder und sogar der Hund finden!:-) Damit kann ich diesem Artikel nur zustimmen, das aus Karnap eine familienfreundliche idyllische Wohngegend der gehobenen Klasse geworden ist. Schade ist nur das zur Zeit die Infrastruktur (Einkaufsmöglichkeiten und Schulen) abnimmt. Unsere Hauptschule will ja leider schließen und sehr viele kleine Geschäfte gehen pleite.Meine Kinder gehen zwar zum größten Teil noch in die Grundschule, und in der Stadtmitte aufs Gymnasium, trotzdem finde ich es sehr schade das die Hauptschule schließen will. Aber das liegt ja zum Glück nicht an Karnap sondern an der nachlassenden Kaufkraft des "kleinen Mannes". Denn unser guter Mittelstand, der ja gerade hier in Karnap ansässig ist in den Einfamilienhäusern wird immer ärmer, teils sogar ganz arm, weil es oft keine Arbeit gibt bzw zu wenig Geld da ist. Leider sorgt unsere Politik ja immer noch nur für die sowieso Reichen, das für uns Familien etwas getan wird ist ja leider pure Augenwischerei und Schönrederei.Wir Familien werden leider wirklich immer ärmer,obwohl mein Mann eine gut bezahlte Stellung hat merken wir es bei jedem Einkauf, das wir sehr sparen müssen, um über die Runden zu kommen und von dieser Entwicklung ist fast jeder hier in Karnap betroffen, wodurch Karnap wahrscheinlich wieder einige Eigenheimbesitzer verlieren wird, denn es sind ja gerade Mittelstandfamilien, die sich alte Zechenhäuschen kaufen, denn für ne Villa in Bredeney reicht es bei uns Familien ja leider nicht aus! |