Der Eintopfsonntag

Jeder Sonntag wurde in unserer streng katholisch ausgerichteten Familie gebührend begangen. Es begann mit dem "großen Bad " in der Zinkwanne am Abend davor. Mutter ging sonntags stets um 6 Uhr in die Frühmesse. Es war unvorstellbar, daß ein Familienmitglied nicht am Sonntag die Messe besucht hätte.

Wir Kinder gingen um 8:45 Uhr zur Kindermesse. Während dieser Zeit bereitete unsere Mutter das "Sonntagsmahl". Wir waren keine reiche Familie, Vater war bereits mit 39 Jahren 1929 verstorben und Mutter konnte mit der kleinen Witwenrente nicht auskommen, weshalb sie sich mit Zusatzarbeiten über Wasser hielt. Zur Wohlfahrt wollte sie auf keinen Fall gehen. Aber am Tag des Herrn sollte schon etwas Besonderes auf dem Tisch stehen, mit Vorsuppe und Hauptgericht. Es gab, was der Garten und die Stallungen hergaben, mal Kaninchen, mal Huhn oder Taube und dazu immer einen Nachtisch. Vor und nach dem Essen wurde das Tischgebet gesprochen.

Nach 1933, ich war gerade 5 Jahre alt, bemerkte ich an einigen Sonntagen eine gewisse Unruhe, eine geheimnisvolle Spannung in der Familie. Mutter lief unruhig auf und ab und schaute des öfteren verstohlen aus dem Fenster. Einmal hörte ich sie zur Nachbarin sagen: "Laß ihn nicht rein, auf keinen Fall darf er in den Kochtopf schauen!" Es war der so genannte "Eintopfsonntag" und der Blockwart kam mit der rot-weißen Sammelbüchse, ging von Haus zu Haus, von Wohnungstür zu Wohnungstür. Wenn er, vor der Türe abgefangen, sein Scherflein gesammelt und wieder gegangen war, war die gewohnte, behagliche Stimmung wieder da.

Der "Eintopfsonntag" war eine von dem "Führer" im Jahre 1933 eingerichtete Maßnahme zur Unterstützung arbeitsloser und sozial schwacher Mitbürger. "Keiner soll hungern und frieren" war das Motto. Angesiedelt war diese Aktion unter dem Winterhilfswerk (WHW) und in den Monaten Oktober bis März einschließlich, jeden zweiten Sonntag im Monat durchgeführt. Die Ersparnis eines Eintopfgerichtes zum sonst üblichen Essen sollte als Spende erbracht werden.

Eintopfsammlung auf Kirchplatz vor St. JohannMit viel Propaganda wurden auf öffentlichen Plätzen, so auch am Karlsplatz, große Küchenwagen postiert und Eintopfgerichte ausgeschenkt. Eine Terrine kostete 50 Pfennig, alles, was gegeben wurde, war die Spende fürs Winterhilfswerk. "Wer sich dieser Pflicht zum Opfer entzieht, der begeht nicht nur Verrat am Winterhilfswerk, er begeht Verrat an seinem Vaterlande" (National-Zeitung 11.10.1934).

Um den Druck auf die Kreise, Städte und Gaue zu erhöhen, noch mehr bei den Sammlungen für das WHW "einzufahren", wurden die besten Sammlungsergebnisse mit den schlechtesten veröffentlicht. "Die dritte gewonnene Schlacht!" schreibt auch die NZ am 25.03.1936 zu dem um 75 Prozent gesteigerten Sammlungsergebnisses des Kreises Essen. "Die große Kameradschaft des Volkes" und "die Dankbarkeit des Volkes für die tausendfachen befreienden Taten des Nationalsozialismus, für den neugeweckten und gestützten Lebensmut" werden von der NZ als Begründung für die steigernde Spendenbereitschaft angeführt. Mit einem Spendenbetrag von 4,08 RM auf den Kopf der Bevölkerung in der ersten Hälfte des WHW 1935/36 nimmt der Gau Essen im Reiche eine der ersten Stellen ein (NZ vom 02.02.1936). Daß sämtliche, im öffentlichen Dienst tätige Angestellte und Beamte dienstverpflichtet wurden, und somit unentgeltlich die Sammlungen durchzuführen hatten, wird verschwiegen. So wird auch im vertraulichen Schreiben (HA Krupp WA 41/6-181) der Firmenleitung an die Leitung des Walzwerkes II vom 05.12.1938 verlangt, daß die nachstehend genannten Arbeiter wegen ihrer Nichtbeteiligung am WHW namentlich gerügt werden.

Der erste Eintopfsonntag des WHW im Oktober 1933 brachte 26.000 RM, der entsprechende Sonntag im Oktober 1934 hatte ein Ergebnis von bereits 44.600 RM. Vorrangig wurden aus diesem Spendengeld Kohlen und Kartoffeln gekauft, so daß "... jeder Volksgenosse seine Kohlen und Kartoffeln im Keller hatte, und vor der ärgsten Not geschützt war." Im Rahmen des ersten WHW wurden in Essen rund 264.000 Bedürftige in 92.000 Haushaltungen unterstützt, wobei die Bedürftigkeit in den 1., 2. und 3. Grad eingeteilt wurde.

Aus dem Altenessener Kalender September 2001


Kommentare 

 
# Gast 2007-09-01 14:21 Ich scanne gerade Alte Kalendereintrag ungen meiner Eltern ein und da las ich immer wieder "Eintopfsonntag" und mit Ihrem Artikel ist die Lösung dieses Tages SEHR GUT BESCHRIEBEN!!!!
Danke für die Schilderung!!
B.Tritsch
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
 

Kommentar schreiben

Kommentare bitte kurz und aussagekräftig halten.