Wer anderen eine Grube gräbt...

Gustav Korthaus — ein Bergmann von Veranlagung — ging beharrlich seinen Weg, jenen Weg, der unbeirrbar vorwärts, zwangsläufig aufwärts führt. Klippe um Klippe wurde spielend gemeistert. Er wurde Steiger, wurde Fahrsteiger, wurde Obersteiger, wurde Betriebsführer — ja, er wurde eines Tages Grubeninspektor.

Die neue Würde, bis dahin das Ziel ehrgeizigen Wollens — nun greifbare Wirklichkeit — gab ihm in Gang und Haltung ihr Gepräge. Jeder Zoll ein Inspektor!

Und mit seiner Stellung wuchs sein Geltungsbedürfnis. Kaum thronte er hinter dem Schreibtisch seines Dienstraumes — zu seinem Einzug im Gewände neu hergerichtet —, fand seine erste Amtshandlung an der Tür sichtbaren Ausdruck.

„Eintritt nur nach vorheriger Anmeldung durch den Sekretär", schrie es da in großen Lettern den Besuchern entgegen. Mit drakonischer Strenge erzwang der Inspektor die Beachtung dieser Weisung. Niemand durfte sie ungerügt übersehen. Auch nicht Fritz Schulte, sein bester Freund.

Sooft dieser seine Schritte in die nahe Stadt lenkte, führte ihn der Weg auch an der Zeche seines alten Schulfreundes, des frischgebackenen Inspektors, vorbei. Mit ihm dann einen Händedruck tauschen, einige Worte wechseln — war ihm eine liebgewordene Gewohnheit.

Zu Gustavs Türaufschrift hatte der Freund nur lächeln können.

„'n utgewassenen Vurgel hat dä nigge Inspektor", dachte er bei sich und trat ein, ohne anzuklopfen, aber auch ohne „vorherige Anmeldung durch den Sekretär".

„Fritz, kasse nich liärsen, wat do an dä Dür stäiht?" wies Gustav Korthaus seinen Freund zurecht. „Wann du ouk min Frönd büs, dann mauße di doch dono riehen!"

Fritz nahm sich vor, durch solche Unterlassung nicht wieder das seelische Gleichgewicht des Inspektors zu stören.

Tage sind seitdem vergangen, da meldet der Sekretär dem geschäftigen Inspektor;

„Herr Schulte-Umbach wünscht, Herrn Inspektor zu sprechen."

Schulte-Umbach war kein geringerer als der Vorsitzende des Grubenvorstandes, der höchste Vorgesetzte des Inspektors.

Kaum ist sein Name verhallt, da schnellt Gustav Korthaus wie unter einem Skorpionstich von seinem Sessel hoch, läuft behende zur Tür, zupft im Davoneilen seinen Schlips zurecht, knöpft die Jacke zu, reißt dann — ganz Haltung — die Tür auf, stürmt seinem „Chef" entgegen.

Und wer steht vor ihm? ... : Fritz Schulte, sein Freund!

Nur mit Mühe unterdrückt er schadenfrohes Lachen, das ihm in die Kehle drängt.

„Du Schliekenfänger!" formt Gustav seinen „Gruß", in den er allen Ärger über diesen Reinfall bannt. Die in der Tasche zur Faust geballte Hand ist ihm der Weisheit letzter Schluß.

So geschah es in der Folgezeit noch einige Male. Immer wieder ging der Inspektor in die Falle — zu eigenem Gram und des Freundes Freude. Zu sehr hatte der Name Schulte-Umbach Gewalt über ihn.

Doch bald ging des Inspektors Geduld der Atem aus. Rachegedanken keimten auf, vom Groll auf den Freund genährt. Schneller als er erhoffte, sollte seinem Plan die Verwirklichung folgen.

Über das Grubenbild gebeugt, erwägt der Inspektor die Ausrichtung einer neuen Abteilung. Raum und Zeit entrückt, spielen seine Gedanken. Kaum hört er das Klopfen an der Tür.

„Herr Inspektor, Herr Schulte-Umbach möchte Herrn Inspektor sprechen."

Aha, sein Freund Schulte — der Gedanke beseelt ihn.

„Ich lasse bitten!" sagt er noch.

Wieder schnellt er von seiner Arbeit hoch. Aber diesmal haben seine Empfangsvorbereitungen ein anderes Gesicht als ehedem. In Bruchteilen von Sekunden erfaßt er jetzt einen Stoß verstaubter Betriebsakten, nimmt Aufstellung hinter der Tür, die Akten — mit beiden Händen umfaßt — zum Schlage weit ausgeholt. Schritte kommen näher, und ehe dem Inspektor bewußt wird, wem sein „Willkommensgruß" gilt, sausen die Akten — von Bärenkräften beschwingt — auf das Haupt des Eintretenden.

Bautz...

Ein Staubwolke wirbelt auf, und vom Schlage niedergestreckt sinkt in die Knie: Schulte-Umbach, der leibhaftige Vorsitzende des Grubenvorstandes. Den steifen Hut hat ihm der Schlag über die Ohren getrieben.

„Sind... Sind Sie verrückt geworden?" brüllt der Verängstigte — wieder bei Atem — seinen Inspektor an, der ihm beim Aufstehen hilft, am ganzen Körper zitternd.

Das Entsetzen lähmt ihm die Zunge. Hätte sich jetzt die Erde aufgetan und ihn mit Haut und Haaren verschlungen, seine letzten Worte wären ein Dankesstammeln gen Himmel gewesen. Nur langsam erhält er die Fassung wieder.

„Eck woll... hm ... Ich wollte ...", sucht er nach Worten.

In dem heiligen Donnerwetter des Chefs verhallen sie ungehört.

Beherzt verschafft sich der Inspektor jetzt Gehör. Worte der Entschuldigung und Erklärung sprudeln nur so heraus. Schulte-Umbach horcht auf. Aller Groll fällt von ihm ab. Er hat Sinn für Humor und vergibt lächelnd dem reumütigen Sünder.


Kommentar schreiben

Kommentare bitte kurz und aussagekräftig halten.