Flüssige „Elektrizität"
Heinrich Knippschild, der so Angerufene, wirft die Hacke beiseite, mit der er eben noch im Ort herumhantierte, und leistet dem Ruf Folge — nicht ganz arglos allerdings.
Bei Franz Schulte, seinem Kumpel, galt es auf der Hut zu sein, denn der war unerschöpflich im Aushecken aller nur erdenklichen Streiche, die meistens an Hännerich Knippschild ihre Auferstehung feierten.
„Na, wuos du mi mol wier dobikriergen?" ist daher Hännerichs besorgte Frage. Er hatte sich geschworen, sich von seinem Kumpel nicht noch einmal leimen zu lassen. Ohnehin waren seine Reinfälle eine Kette ohne Ende. Der letzte Schabernack war noch zu lebendig in seiner Erinnerung. Er schüttelte sich im Geist das Wasser vom Pelz, wenn er daran dachte, denn...
Damals waren für viele das Wesen und die Erscheinungsformen der Elektrizität noch in tiefes Dunkel gehüllt. Auf der Zeche lief — seit kurzer Zeit erst — eine elektrische Fahrdrahtlokomotive. Nun war es streng verboten, auf ihren beladenen Kohlenwagen mitzufahren. Dennoch war die Versuchung, dagegen zu verstoßen, unendlich groß. Und nur zu leicht entscheidet sich der Kumpel in der Wahl zwischen den Möglichkeiten, schlecht zu fahren oder gut zu gehen, für erstere, selbst wenn aus der Erleichterung Gefahr droht. Nach den Mühen einer ganzen Schicht gar nicht so unbegreiflich. —
Die Schicht war zu Ende, und in zwanglosen Gruppen stand wohl ein Dutzend Kumpel am Aufbruch beieinander. Sie warteten, bis der Steiger außer Sicht war und sie zum Schacht gehen oder — wenn sie Glück hatten — auch fahren konnten.
Eben kommt der beladene Zug herangefahren, an dem Lichtkegel kenntlich, den seine Lokomotive vor sich her ins Dunkel des Querschlages schiebt.
Der Lokomotivführer ist von Franz Schulte ins Vertrauen gezogen — eine unerläßliche Voraussetzung für das Gelingen des Streiches — und ist mit Feuereifer bei der Sache. An einer vorher ausgemachten Stelle — aber auch genau an dieser Stelle — bringt er seine Maschine zum Halten.
„Wi föhrt vandage alle met'm Zug", sagt Franz höchst überflüssigerweise. „Hännerich", wendet er sich an seinen Kumpel, „du leggs di op dän ärsten Wagen, un wi gott op da annern."
Gesagt, getan.
Heinrich liegt schon — nichtsahnend —, den Bauch nach unten, lang ausgestreckt auf dem ersten Wagen, alldieweil die übrigen Kumpel sich an den folgenden Wagen zu schaffen machen. Sie besteigen sie, klettern wieder herunter — so ist es in dem Schlachtenplan vorgesehen — und stellen sich in einiger Entfernung an den Stoß, die Lampen kleingedreht und unter die Jacke gesteckt.
Jetzt konnte es losgehen.
Nun war es noch nicht bis zu Heinrich durchgesickert, daß erst kürzlich unter der Streckenfirste — einige Meter von dem ersten Wagen entfernt — eine Brause eingebaut worden war. Deren Ventil wurde jedesmal durch die Lokomotive geöffnet, und die dann erfolgende Berieselung der Kohle hatte den Zweck, den flugfähigen Kohlenstaub zu binden, also die Staubentwicklung in der Grube zu bekämpfen.
Bim — bim — bim . . . ertönt das Glockensignal, das der Lokomotivführer vor der Abfahrt zu geben pflegt, und schon setzt sich der Zug in Bewegung.
Kaum drei Meter weit ist er gefahren, da spritzt das Wasser in dicken Strahlen laut zischend aus der Brause. Für den Lokomotivführer das Zeichen, den Zug anzuhalten.
Alles klappt wie am Schnürchen!
Der vordere Wagen steht mit seiner teuren Last genau unter der Brause, und unaufhaltsam prasselt das Wasser auf Heinrich hernieder.
Die Kumpel stehen am Stoß und halten sich die Bäuche vor Lachen.
Noch liegt Heinrich regungslos da.
Dann plötzlich wird er lebendig. Die Erstarrung unter dem Eindruck des ersten Schrecks weicht einem entschlossenen Sprung vom Wagen in die Strecke.
„Wat es dat?" fragt er da ganz verdattert die inzwischen nähergetretenen Zuschauer, die einen aussichtslosen Kampf gegen ihre Lachgelüste führen.
„Du kass dösig frogen", gibt Franz zur Antwort, „dat es Water!"
Heinrich schaut überrascht drein — wie einer, der sich in seinem Handeln von falschen Voraussetzungen leiten ließ.
„Wat? Water? Hä eck dat gewußt, dann wör eck do liggen geblierwen. Eck häww geglöwwt, dat wör Elektrizität gewiärst!"
| Durchschaut | Das schwere Rätsel |
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