Der Himmelsventilator

Langsam, unendlich langsam krochen die Uhrzeiger ihre Bahn, als graue ihnen vor der Zukunft. So schien es Karl Müggenburg.

Zum vierten Male schon sah er zur Uhr. Endlich war es soweit. Butterpause. Von der Kiste her — dem Frühstücksplätzchen — ruft er seinen Kumpel: „Schiärle, komm, 't es Tied tem buottern!"

Franz Wegge, dem sein „Silberblick" den Beinamen „Schiärle" eingebracht hatte, kommt leichtbeschwingt angetanzt. Zu seiner Lieblings„arbeit" läßt er sich nicht zweimal auffordern.

Mit allen Merkmalen eines schlechten Gewissens beobachtet er Karl, wie der seine Kaffeeflasche vom Nagel nimmt, sie mit verhaltenem Mißmut in der Hand wiegt, sie dann schüttelt...

„Du Supsack büs mi doch wier an da Koffipulle gewiärst! Mä soll di da Struotte" awbieten.. .! Dann hört dat äinmol op!" So begehrte Karl auf. Zum tausendsten Male schon. Der „Schiärle" kannte solche Ausbrüche. Das hinderte ihn aber nicht, wenn ihm die Kehle mal wieder besonders trocken war — und das war Dauerzustand bei ihm —, immer und immer wieder Karls Kaffeeflasche in Anspruch zu nehmen.

Dann hatte er seine „Pulle" — ein „zierliches Fläschchen", das „nur" zwei Liter faßte — schon bis zur Neige geleert. Auch nicht einen Tropfen mehr hätte er ihr mit Gewalt oder durch gütiges Zureden zu entlocken vermocht!

„Eck dau't ouk nich mä wier!" beschwichtigte er dann seinen Kumpel in vollendet gespielter Zerknirschung. „Nächsten Louhndagg koup eck mi 'ne gröttere Pulle. Do kass'e die dropp verlöten!"

„Un wann du di 'ne Tirnliterspulle metbrängs, dann gäihs du Supstümmel mi doch noch an da Pulle!" wußte Karl es besser, „öwwer du kriggs ouk noch mol din Fett doför! Usse Herrgott süht dat alles!"

Doch solche Hinweise auf das Jüngste Gericht verfehlten ihre Wirkung auf den „Schiärlen".

Jahre kamen und gingen. Der „Schiärle" blieb sich selbst treu. Mit seiner durstigen Kehle lebte sein Hang weiter, Karls Kaffeeflasche zu behelligen.

Dann, eines Tages, warf ihn ein schweres Leiden auf das Krankenlager. Er fühlte die Nähe des Todes, wußte, daß er nicht wieder gesunden würde. Gelassen hatte er sich in das Unabänderliche geschickt. Und als es dann ans Sterben ging, da verlangte er nach seinem Kumpel.

Der kam auch — suchte und fand Worte des Trostes, denen sich der „Schiärle" jedoch bärbeißig verschloß. Wußte er doch nur zu genau, wie es um ihn stand.

„Quater nich so vüel!" unterbricht er seinen Kumpel, mit versiegender Kraft die Worte formend — ein Hauchen nur. Angesichts des Todes zieht der Kranke die Bilanz seines Lebens, bereit zur Buße. — „Eck si di so fake an dine Koffipulle gewiärst, doför well eck ..."

„Schiärle, dat mäkt niks!" schaltet sich Karl beschwichtigend ein. In dieser Stunde hatte aller Groll zu schweigen, gab es nur ein großmütiges Verstehen, das die Allgewalt des Todes — meistens zu spät — in uns weckt.

Doch der Kranke fährt unbeirrt fort: „. . . well eck büßen. För jedetmol, dat eck van din'n Koffi gesuorpen häww, well eck mi äinmol im Himmel ümdrahn!" Hohl dringt seine Stimme in die unheimliche Stille des Krankenzimmers. Der Hauch des Todes liegt über dem Raum.

Dann fährt Franz Wegge zu seiner letzten Schicht an, von der es keine Ausfahrt gibt.

Wieder ziehen Jahre ins Land, da schließt auch Karl Müggenburg  die  Augen  für  immer.

Kaum hat er die Himmelspforte hinter sich geschlossen, da steht er Petrus gegenüber, wie es sich für einen zünftigen Bergmann gehört, die Grubenlampe in der Hand, seine Kaffeeflasche um die Schulter gehängt.

„Glückauf, Petrus!"

„Glückauf!"

Die Aufnahmeformalitäten sind schnell erledigt; war doch Karl auf Erden von jeher ein rechtschaffener Mensch. Da gilt seine Sorge seinem Kumpel.

„Sägg äs, Petrus, es hier boam nich ouk min Kumpel?"

„Wu schriewet da sik dann?" will Petrus wissen.

„Franz Wegge."

Petrus überlegt. „Nä, dodropp kann eck mi nich besinn'n", sieht er das Aussichtslose seines Nachdenkens ein.

Da will Karl ihm auf die Sprünge helfen. „Dat es so'n Schiärln, da kiekt30 ümmer met äinm Ouge in da linke un met däm annern in da rächte Westentasche."

„Van da Suorte häww eck hier boam 'n ganzen Houp harümloupen."

Da fallen Karl seines Kumpels letzte Worte ein.

„Kuort vor sinm Dout sagg hä mi, hä woll sik för jedetmol, dat hä ut mine Kof f ipulle gedrunken hädde, äinmol im Himmel ü mdrahn."

Da überstrahlt Petrus' verwitterte Züge ein Leuchten des Er-kennens: „Ah sou, dän meins du . . .! Do kam vor Johrn so'n ganz Verrückten, da drahde*6 sik ümmer um sine äigene Asse!"

„Jou, Petrus, dat es min Kumpel!" fällt ihm Karl da ins Wort. „Wo es da dann?"
„Och", eröffnet ihm Petus da, „as da sik ümmer so üm-drahde, do häww eck dän do boam as Ventilator in da Luttentour ingebaut, da suorget hier för dän frischen Wetterzug!"

Karl kann es gar nicht abwarten, seinen Kumpel wiederzusehen — dazu noch als Luttenventilator!

Petrus beeilt sich, ihn an hochaufragenden Wolkenwänden vorbei zu seinem Kumpel zu führen.

Schon dringt ein Pfeifen und Surren, das von dem „Ventilator" her kommt, zu ihnen herüber. Noch schnell an einer Wolke vorbei, die ihnen die Sicht versperrt, dann stehen die beiden Karls Kumpel gegenüber.

In dem Ende eines unübersehbar langen Luttenstranges, der an Drähten aufgehängt im Räume schwebt, hat der „Schiärle" seinen Platz. In rasender Geschwindigkeit dreht er sich um seine Achse, saugt Luft und Nebelschleier in die Lutte hinein.

Kaum wittert er die Nähe seines Kumpels, da hält er inne, und seine Stimme dringt durch den Äther:

„Karl, eck häww so'n Duorst! Lott mi äs ut dine Koffipulle supen!"

So — über Raum und Zeit hinweg — war der „Schiärle" sich selbst treu geblieben...


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